Not und Glauben

09.09.2018

Fünfeinhalb Monate, nachdem uns Josua auf einem Rastplatz in Nordisland das erste Mal von Sărata-Galbenă erzählt hat, sind wir endlich angekommen. Das Dorf war Grund und Ziel unserer Reise, und wir sind nach zwölf Tagen des Umherziehens gespannt darauf, den Ort und seine Menschen endlich selbst kennenzulernen.

Seit Freitagabend wohnen wir bei Pastor Viktor und seiner Familie. Weil wir morgen schon wieder nach Deutschland abreisen, ist nicht viel Zeit, um selbst mitanzupacken. Trotzdem können wir uns einen guten Eindruck von den Projekten der Gemeinde verschaffen.

In einem unserer ersten Blog-Einträge über Moldawien schrieben wir, dass die Armut uns schon seit den ersten Stunden begleitet. Das stimmte - und dennoch lernen wir in Sărata-Galbenă noch einmal eine andere Form der Armut kennen als etwa in Chișinău. Hier auf dem Land leben die Ärmsten der Armen unter Bedingungen, die man sich als wohlhabender Mitteleuropäer kaum vorstellen kann.

Bei einem Rundgang verteilen wir große Einkaufstüten mit Lebensmitteln an bedürftige Familien. Viele von ihnen hausen zwischen Dreck und Müll in dringend renovierungsbedürftigen Hütten. Sechsköpfige Familien müssen sich mit einem oder zwei Zimmern begnügen. Einige Menschen quälen sich seit Jahren mit Krankheiten und Gebrechen herum. Es fehlt an den einfachsten Dingen.

"Nur zwei Sachen gab es hier schon immer", sagt Viktor an unserem ersten Abend: "Not und Glauben." Wie viel daraus entstehen kann, erstaunt uns oft an diesem Wochenende. In Sărata-Galbenă steht das wahrscheinlich modernste Altenheim Moldawiens und eine Einrichtung für Waisen und Menschen mit Behinderung. Es gibt ein Jugendzentrum, in dem Kinder Nachhilfe erhalten, warme Mahlzeiten essen und richtig duschen können. Außerdem werden in einer Bäckerei täglich Hunderte Brote gebacken, die kostenlos an die Einrichtungen der Gemeinde und bedürftige Familien abgegeben werden.

Natürlich braucht es noch etwas mehr als nur Not und Glauben, um so vielen Menschen helfen zu können. Es braucht vor allem Ideen und Tatkraft. An beidem herrscht in Sărata-Galbenă kein Mangel. Unermüdlich denken sich Viktor und seine Mitstreiter neue Projekte aus. Bald wollen sie weitere Wohnplätze für Alte, Waisen und Behinderte schaffen. Josuas Frau Julie lernt gerade zwei Näherinnen an, die ihr Schweizer Atelier unterstützen werden. Weitere Projekte sind in Planung.

Als wir loszogen, um Spenden zu sammeln, hatten wir nur Josuas Erzählung. Wir wussten aus E-Mails und Unterhaltungen, was in dieser Gemeinde passiert, aber erst unser Besuch hier hat uns darin bestätigt, dass dieses Dorf eine Reise wert war. Wir haben beides erlebt: die Not und den Glauben - und alles, was daraus gewachsen ist. Für diese Erfahrung sind wir sehr dankbar.

Vorschau: Wir blicken zurück auf zwei abenteuerliche Wochen und verraten, wie viel Geld wir letztlich mit nach Sărata-Galbenă bringen konnten.

PS: Natürlich leiten wir auch Spenden, die jetzt oder demnächst noch eingehen, an die Gemeinde weiter. In Sărata-Galbenă gibt es immer etwas zu tun.

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